Zeitgenossen

Roman Dubasevych: „Es ist ein Krieg historischer Traumata.“

Stand
Autor/in
Dietrich Brants

Ein Jahr nach dem Angriff Russlands auf die gesamte Ukraine, fast neun Jahre nach dem Beginn der Kämpfe im Donbass, bezeichnet der Ukrainist Roman Dubasevych den militärischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine als „Krieg historischer Traumata“. Wobei das kollektive Trauma der Ukraine darin bestehe, sich selbst seit Tausend Jahren als Opfer russischer Großmachtansprüche und der Unterwerfung unter das russische Volk zu sehen. Dieses Geschichtsbild – für Roman Dubasevych ein „chosen trauma“, denn „Geschichte ist komplexer“ – sei auch im aktuellen Krieg „das Zentrum der ukrainischen Identität“.

„Das Trauma wird oft als Preis für die Freiheit gesehen“

Gleichzeitig würden individuelle Traumata, die im jetzigen Krieg erlitten werden, für den Kampf um die Unabhängigkeit instrumentalisiert – „so dass das Trauma oft als unvermeidbarer Preis für die Freiheit, für Demokratie und einen europäischen Weg der Ukraine gesehen wird“. So wiederhole sich eine uralte ukrainische Auflehnung gegen russische Unterdrückung – „und die Spirale der gegenseitigen Bekämpfung dreht sich immer weiter“.

„Auch die ukrainische Gesellschaft hat sich möglicherweise verschätzt“

Immer wieder, so Roman Dubasevych im Gespräch mit Dietrich Brants, frage er sich, ob bei diesem Krieg sich nicht nur die russische Führung verschätzte, als sie meinte, die Ukraine werde rasch kapitulieren: „Ich musste immer wieder daran denken, dass möglicherweise auch die ukrainische Gesellschaft nicht nüchtern genug einschätzen konnte, was dieser Krieg alles bringen würde“. Dabei denke er an Walter Benjamins „Engel der Geschichte“, der zurückschaut und in der Vergangenheit eine Katastrophe sieht, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft. „Im ukrainischen Kontext ist es dieses Gefühl, dass der Trümmerhaufen immer größer und unübersichtlicher wird“.

„Der Bandera-Kult ist eines der tragischsten Kapitel des Krieges“

Besonders tragisch wirke sich der Bezug auf Stepan Bandera aus: für beiden Seiten, die russische Propaganda und weite Teile der ukrainischen Bevölkerung, die große Symbolfigur in diesem Konflikt – in der Ukraine, weil Bandera während des Zweiten Weltkriegs einen unabhängigen ukrainischen Staat ausgerufen habe. Ausgeblendet werde dabei, dass Stepan Bandera ein Faschist und Antisemit gewesen sei, mitverantwortlich für Pogrome an Juden und auch für Massaker an der polnischen Bevölkerung. Tragisch sei dieser Bezug auf Bandera besonders deshalb, weil die russische Propaganda den Bandera-Kult benutze, um dessen Anhänger in der Ukraine als „Nazis“ zu bezeichnen und auf diese Art zu begründen, die Ukraine müsse „entnazifiziert“ und deshalb mit allem Mitteln bekriegt werden. Jüngst hat sich auch der Oberbefehlshaber des ukrainischen Militärs auf Twitter vor einem Bandera-Foto gezeigt. „Wenn ich fatalistisch wäre“, erklärt Dubasevych, „würde ich sagen, für eine andere Geschichtspolitik ist es leider schon zu spät“.

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Autor/in
Dietrich Brants